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Die Lebensdauer von Dingen

Die lange Lebensdauer einer Tasse

 

In einem Blog stiess ich auf die Geschichte eines japanischen Kalligraphielehrers, der sich mit seinem ersten Lohn eine Tasse gekauft hat, die er bis heute jeden Tag benutzt. Er ist bald pensioniert und benutzt die Tasse jetzt vielleicht 40 Jahre. Wow. Erst konnte ich mir gar nicht vorstellen, etwas so lange zu verwenden, ohne es aus Langeweile oder Überdruss auszuwechseln. Doch als ich etwas darüber nachdachte, fand ich auch in meinem Haushalt so ein Ding: Ein Lochsieb aus Metall, das ich mit 20 Jahren für meine erste Wohnung gekauft hatte und heute immer noch gerne und oft benutze. Das ist inzwischen 30 Jahre alt und funktioniert einwandfrei und es ist mir weder verleidet noch jemals einer Ausmistaktion zum Opfer gefallen.

 

Kaufen für den jetzigen Moment

Die Idee, eine Anschaffung fürs Leben zu tätigen, kam mir vorher noch nie in den Sinn. Ich kaufte für den jetzigen Moment. Ich gab meinen aktuellen Bedürfnissen nach und dachte nicht darüber nach, ob ich den Gegenstand in fünf oder zehn oder zwanzig Jahren auch noch mögen würde. Ein Beispiel ist meine Bettwäsche: Ich schleppte in die Höhle, was zum jetzigen Farbkonzept meiner Wohnung passte. Wissend, dass das in drei Monaten oder einem halben Jahr bereits wieder anders sein könnte mit dem Gedanken, dann die Bettwäschen wieder auszuwechseln. Ich dachte darüber nach, welche Verschwendung dass das ist und dass meine Mutter ihre Bettwäsche benutzte, bis sie ein Loch hatte. Dieses wurde geflickt und die Bettwäsche weiter verwendet.

Ein neuer Zeithorizont

Kaufe ich zukünftig Dinge, tu ich das neu mit folgendem Gedanken: Könnte mir das in zehn Jahren auch noch gefallen? Zehn Jahre scheint mir für mein Vorhaben ein angemessener Zeithorizont, weiter kann ich nicht denken. Was mir längerfristig gefällt, weiss ich eigentlich gut: Unbunte Naturtöne wie Weiss, Grau, Greige, Écru, Beige und Stein, natürliche Materialien wie Holz, Baumwolle und Leinen. Zeitlose Formen, Unis. Schlichte Gestaltungen ohne Schnörkel, lieber Strukturen als Muster. Ich weiss von mir, dass meine Farbgelüste und -launen unbeständig sind und kommen und gehen wie die Wolken am Himmel. Kein Grund, darauf einzugehen. Treffe ich zukünftige Kaufentscheide mit diesem Gedanken im Hinterkopf, werde ich meinen Konsum verringern können. Das ist gut für die Umwelt und gut für mein Budget.

Geduld und Beständigkeit

Das bedeutet für ich auch, zu warten, bis ich das richtige Ding für mich finde. Oder bis das richtige Ding mich findet? Jedenfalls will ich Geduld aufbringen. Denn allzu oft habe ich vorschnell etwas gekauft ohne wirklich ganz überzeugt gewesen zu sein. Alsbald war ich wieder unzufrieden mit dem Gegenstand und wollte ihn wieder auswechseln. Auch neige ich dazu, meinen Launen zu folgen, die dann doch bald nur noch Geschichte sind. Der ökologische Unsinn erschliesst sich mir schon seit längerem, doch zu einer Verhaltensänderung hat es bisher noch nicht gereicht. Vielleicht war es wichtig für mich, mal den neuen Gedanken zu denken, dass mich ein Gegenstand auch viele Jahre begleiten kann. Weil er zeitlos ist. Und praktisch. Qualitativ hochwertig hergestellt. Beständig. Formschön. Und irgendwie zu mir gehört, wie mein altes, aber schönes Lochsieb.

 

Alles Liebe, Barbara 

 

Ps: Morgen nähe ich meine alte Bettwäsche um, anstatt neue zu kaufen. 

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