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Pilzrisotto

So hatte das keinen Wert. Amelie kam nicht weiter. Sie hatte ihr Anliegen mit ihrem neuen Coach besprochen und auf eine runde Lösung gehofft. Doch nichts war klarer geworden, ganz im Gegenteil. Zwei widerstreitende Werte rangen um die erste Position, beide waren nicht gleichzeitig zu verwirklichen. Hätte sie doch nur nie von dieser Idee gehört!

 

Sie merkte, die Temperatur war gesunken, es würde hier im Jura bald Schnee geben. Sie beschleunigte ihre Schritte. Die Kälte kroch zu Amelie unter den grauen Wollmantel, ein vor kurzem erworbenes Schnäppchen aus dem Brockenhaus. Oder fröstelte ihr mehr von innen heraus? Ihre ockerfarbene Mütze leuchtete optimistisch in der trüben Novemberlandschaft. Amelie erhoffte sich von diesem Spaziergang eine Klärung ihrer Gedanken, doch bis jetzt hatte sich nichts verändert. Die Zeit verging ihr viel zu schnell, sie bräuchte mehr davon, um sich entscheiden zu können. Doch eins war sicher, die Zeit war gerecht zwischen den Menschen aufgeteilt.

 

Sie marschierte mit gesenktem Blick querfeldein über die Magerwiesen, den Naturweg hatte sie schon vor einer ganzen Weile verlassen. Da erregten einige bräunliche, kleinere Erhebungen auf dem Boden ihre Aufmerksamkeit. Sie verlangsamte erst ihre Schritte und blieb schlussendlich ganz stehen. Sie beäugte die geheimnisvollen, kleinen Köpfchen. Pilze. Um diese Zeit? Jetzt ging sie in die Hocke und nahm ihren Fund genauer unter die Lupe. Kleine Käppchen auf dünnen, hellen Stielen lugten zwischen den mattgrünen Halmen hervor, mittelbraun gefärbt.

 

Sie verstand nicht allzu viel von Pilzen, aber diesen meinte sie zu erkennen: Wenn das kein spitzkegeliger Kahlkopf war, musste sie sich sehr täuschen. Hatte sie der Zufall hier zu ihrer arg angestrengt gesuchten Lösung gebracht? In Gedanken hatte sie das Thema versucht loszulassen und nun führte ihr Weg direkt zu einer Gruppe von Zauberpilzen.

 

Also, so richtig kannte sie sich damit nicht aus. Aber im Internet würde sie sicher die benötigten Informationen für die angemessene Dosierung finden. Würde so eine gezielte «Pilzvergiftung» ihr eine neue Eingebung bescheren? Würden die psychoaktiven Substanzen ihre Gehirnwindungen so neu justieren, dass die Krise überwunden werden konnte? Sie wünschte sich, das belastende Kapitel abzuschliessen zu können und ihre Wertefrage endgültig klären zu können.

 

Das Licht schwand und die Dunkelheit kroch schneller als erwartet über die Matten. Die Tage waren bereits kurz. Eilige und nun entschlossen erntete sie die Pilze ab und verstaute sie in ihrem Stoffbeutel, den sie immer in ihrem Rucksack mit sich trug. Sie würde eine Teil davon getrocknet aufbewahren. Heute Abend aber, da war sich Amelie sicher, würde sie sich ein frisches, feines Pilzrisotto zubereiten.

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