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Die Party ist vorbei

Lia streifte die Pumps mit den hohen Absätzen von den bestrumpften, geschwollenen Füssen und legte die Beine auf den Couchtisch. Die Party war vorbei. Vor kurzem hatte auch der letzte Gast angeheitert oder vielleicht auch ganz betrunken - wer konnte das schon mit Bestimmtheit sagen? - den Heimweg angetreten. Ihr Blick ruhte auf den Spuren des Abends, der Aschenbecher quoll über und vielen leeren und halbleeren Rotweingläser hinterliessen Ringe auf der gewachsten Ahornoberfläche des kleinen Tischchens. 

 

Lia liess in Gedanken den Abend Revue passieren und sie musste an Thekla denken. Diese Frau hatte mit ihren über 50 Jahren immer noch ein bemerkenswertes Charisma. Keine Spur von wechseljahrsbedingtem Mattwerden und auch kein Auraverlust. Trotz oder gerade wegen ihrer weiblichen Rundungen wirkte sie feminin-attraktiv, die langen grauen, ins weisse tendierenden Haare flossen gesund und glänzend über ihre Schultern und umschmeichelte ihr Gesicht. Die Theorie aus den Frauenzeitschriften, dass man im Alter keine langen Haare mehr tragen sollte, widerlegte Thekla aufs Schönste. 

 

Es war Lia nicht entgangen, dass Gustaf sie mit glänzenden Augen anschaute, als er sich unbeobachtet wähnte. Er verfolgte Theklas Ausführungen über verschiedenste Themen gebannt und war sichtlich beeindruckt und angetan von ihrer Eloquenz. Auch Lia musste neidvoll zugeben, dass Thekla klug und schön war. Und dass sie sowohl zuhören konnte als auch Interessantes zu berichten wusste. Thekla war der heimliche Star des Abends, und die Party wäre nur halb so gelungen gewesen ohne sie. 

 

Gustaf, der hilfsbereite Gustaf aus dem hintersten Fermeltal, bot Thekla an, sie mit dem Auto nach Hause zu fahren. Diese nahm danken an, und die zwei verschwanden kichernd und sich neckend aus der Wohnung. Zurück blieb Lia, alleine, mit schmerzenden Füssen, angetrunken und mit einem schlechtem Geschmack im Mund von zu vielen Zigaretten und zu viel Wein. Sie hatte schon jetzt Kopfweh, vor allem, wenn sie daran dachte, dass sich ihr Gustaf und Thekla wohl ganz prächtig verstanden. Sie seufzte, nahm einen leisen Anflug von Eifersucht zur Kenntnis und zündete sich eine letzte Zigarette an. 

 

Inzwischen hatte sich Lia bettfein gemacht und zuvor noch etwas Ordnung in der Wohnung geschaffen. Die Zeit verrann, es war weit nach Mitternacht und Gustaf war immer noch nicht zurück. Langsam wurde Lia unruhig. Die kurze Autofahrt ins Quartier am andern Ende der Stadt konnte doch unmöglich so lange dauern? Gustaf war auch nicht mehr nüchtern gewesen, aber auch nicht so betrunken, dass er nicht mehr wusste, was er tat.

 

Ein vages Unbehagen kroch in Lia hoch, und ihr wurde ganz kalt. Wo war Gustaf? Von Minute zu Minute steigerte sich das ungute Gefühl und sie versuchte, die Unruhe abzuschütteln indem sie angespannt an ihren Nagelhäutchen knabberte. Hatten sich die beiden in ein anregendes Gespräch im Auto verstrickt, tranken sie gar noch ein letztes Glas Wein in Theklas Wohnung? Hatte Gustaf die Zeit vergessen? Erlag er vielleicht Theklas Charme? 

 

Bilder vom fremdküssenden Gustaf stiegen in Lia auf. Sie spürte die Eifersucht und wurde ganz ausgefüllt davon, sie nahm ihr den Schnauf und sie konnte ihr kaum Einhalt gebieten. Sie dachte daran, das alles auch ganz anders sein könnte, dass die beiden vielleicht einen Unfall gehabt hätten, was auch nicht ein besseres Szenario war.

 

Der sinkende Alkoholpegel und der beginnende Kater taten das ihre dazu, dass das Selbstwertgefühl von Lia sank. Ihr Herz klopfte, die Hände waren klebrig verschwitzt und in ihrem Kopf fuhren die Gedanken Karussell. Sie fühlte sich der Angst kaum gewachsen und zwang sich zu tiefen und ruhigen Atemzügen, um ihre innere Ruhe wieder ein wenig herzstellen. Als sie da auf dem Sofa sass, mit ihrem Atem und ihrer inneren Aufruhr beschäftigt, hörte sie plötzlich ihr Telefon klingeln.

 

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