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Das Statussymbol

Der Fokus auf Leinen

 

Gestern besuchte ich vier Brockenhäuser in Bümpliz und Bethlehem, auf der Suche nach einem geeigneten Stoff für eine Tunika. Das kreieren meiner Uniform ist in vollem Gange: Ich schneidere nach meinem angepassten Muster meine Lieblingstunika in natürlichen Materialien in verschiedenen Farben. Mir schwebte Leinen vor, doch ich war nicht allzu hoffnungsvoll, zwei Laufmeter zu einem günstigen Preis zu finden. In dem einen Brockenhaus – es nennt sich Secondhandwarenhaus – hatte eine gute Seele alle Stücke aus Leinen zusammengestellt und auf eine Kleiderstange gehängt. Leinen zieht mich automatisch an, vielleicht liesse sich eine gutes Teil erstehen?

 

Ein handgeschneidertes Einzelstück

 

Da fiel mein Blick auf ein besonderes Etikett: «Johann» prang da schwarz auf orangem Grund. Schnell schaute ich nach dem Preisschild: Fr. 14.— für eine ärmellose Bluse aus schwarzem Leinen. – «Die wissen nicht, was sie da haben!» schoss es mir durch den Kopf. «Johann», das Atelier in der Berner Altstadt fertigt wunderbare Stücke aus edlen Materialien in besonderen Nuancen. Jedes Teil wird, wenn erwünscht, der Kundschaft angepasst. Ich habe mich noch nie in den Laden getraut, aber sehnsüchtig die Auslagen im Schaufenster bestaunt. Nun hängt hier so ein wunderbares Kleidungsstück und lächelt mich an.

 

http://www.johannskleiderseite.ch/

 

Das Statussymbol

 

Ich konnte natürlich nicht widerstehen und probierte das Schätzchen an. Es passte. Richtig gut sogar! Und das ist mit meinen eher schmalen Schultern und einigen Rundungen nicht selbstverständlich. Ich überlegte hin und her. Ich wollte keine schwarzen Teile mehr, denn davon habe ich genug im Zwischenlager. Aber eine solche Gelegenheit konnte ich mir nicht entgehen lassen! Ich probierte die Bluse zu meinem momentanen Outfit an und siehe da, auch das ein Treffer. Ich drehte mich vor dem Spiegel hin und her… da kam mir der rettende Gedanke: Ich habe mich vor längerem entschlossen, keine Statussymbole mehr zu kaufen. Ich atmete tief durch, zog die Bluse aus und hängte sie zurück. Froh darüber, nicht ein unnötiges, schwarzes Teil nach Hause geschleppt zu haben und mit dem guten Gefühl, diesen tollen Fund gerne einer anderen Frau zu überlassen.

 

Statusangst

 

Nachdem ich vor vielen Jahren «Statusangst» von Alain de Botton gelesen hatte, wurde mir bewusst, dass ich diese vermeintliche Aufwertung meiner Selbst nicht nötig haben will. Ich bin genug. Ich will mit Kleidung nicht meine Zugehörigkeit, nicht meinen Status oder einen Rang gegen aussen tragen. Ich will nicht mehr scheinen, als ich bin. Aber es gibt sehr wohl etwas, dass ich mit meiner Kleidung will: Ich will mich wohlfühlen. Innen und aussen dürfen gleich klingen. Gerade auf die entsprechende Farbwahl lege ich grossen Wert. Auch auf natürliche Materialien. Dies aber nicht, um wer zu beeindrucken, sondern nur für mich. Weil es mir gut tut und mir gefällt.

 

https://www.exlibris.ch/de/buecher-buch/deutschsprachige-buecher/alain-botton/statusangst/id/9783596161676

 

Nachhaltig, günstig, natürlich

 

Doch ich machte mein Glücksgriff später auch noch: Ein wunderbares Stück Leinen (oder Baumwolle?) in eisgelb. Gross genug für eine Tunika, etwas unregelmässig gewoben, fein und durch das Waschen weich geworden. Mein Budget von Fr. 10.— wurde nicht mal ausgenutzt, als ich an der Kasse Fr. 6.— dafür bezahlte. Ich packte die Ware ein und radelte strahlend davon.

 

Was bedeuten Dir Statussymbole?

 

 

 

Alles Liebe, Barbara

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Sonja (Freitag, 19 Juli 2019 13:27)

    Vielen Dank für den schönen Text. Wir diskutieren in der Familie gerade sehr darüber, weil die Markenaffinität der Teenager hier immer wieder für Gesprächsbedarf sorgt. Schön ist, dass man dann auch gleich mal wieder seine eigene Einstellung dazu überprüfen kann. Wenn man das Wort übersetzt mit "Hey, guckt mal, wie reich ich bin", kann ich damit nichts anfangen. Ich kaufe keine Kleidung, weil sie von einer bestimmten Marke stammt oder weil sie besonders teuer ist, nur um der Welt zu zeigen, dass ich es mir leisten kann. Ich kaufe gerne Second-Hand, wenn man aber faire, langlebige Kleidung haben möchte, ist da sicherlich auch mal etwas dabei, was der ein oder andere als Statussymbol bezeichnen würde. Daraus beziehe ich aber kein Selbstbewusstsein oder so, sondern eher die Hoffnung, dass mir diese Kleidung möglichst lange erhalten bleibt. Im Grunde übermittelt man ja mit allem, was man trägt eine Message, auch dann, wenn man etwas bewusst "nicht trägt". Und dass es unseren Kindern so schwer fällt, sich dem Besitz von Statussymbolen zu entziehen, sehe ich als Problem, für das ich leider auch noch keine Lösung weiß. Liebe Grüße von der Nordseeküste! Sonja

  • #2

    bettina (Sonntag, 28 Juli 2019 01:14)

    also, solange keine marken irgendwo fett auf der kleidung geschrieben stehen, sind es für mich keine statussymbole. schließlich sind hochwertige dinge sehr langlebig, also auch nachhaltig. und nicht jeder kennt jeden luxusladen und kann ein kleines emblem zuordnen. ich liebe leinen auch über alles und hätte mir dieses teil an deiner stelle gegönnt..
    lieben gruß �