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Minimalismus als Lebensstil: Michael kommt zu Wort

Der folgende Text baut auf das Interview mit Michael vom 27. Mai 2019 in seiner Wohnung in Bern auf.

 

Ich treffe Michael in seiner Wohnung im Kirchenfeldquartier. Die Räumlichkeiten liegen im Dachgeschoss, sind aufgeräumt und freundlich. Die mit Holz ausgestattete Decke strahlt eine warme Gemütlichkeit aus, fern von karger Coolness. Michael bietet mir eine grosse Tasse Kräutertee an.

 

Ordnung und Freiheit

 

Der 36 jährige Berner arbeitet als Informatiker. Manchmal meditiert er, regelmässig geht er ins Tai Chi. Sein Ziel ist es nicht, möglichst wenige Dinge zu besitzen, sondern möglichst effizient zu sein. Unordnung hindert ihn an diesem Ziel. Somit ist Minimalismus für ihn ein Mittel zum Zweck. Doch es geht ihm nicht darum, das Leben zu kontrollieren, sondern es zu verstehen, betont Michael. Freiheit ist ein wichtiges Gut für ihn, Kontrolle wäre diesem Wunsch abträglich. Leicht und zügig seine funktionellen Sachen einzupacken und ein Wochenende spontan weg zu können, geben dem Berner Minimalisten diese gute Gefühl. Er kennt sich auch damit aus, auf weiteren Reisen mit dem Velo nur das Nötigste einzupacken.

 

Zero Waste und Nachhaltigkeit

 

Schon immer habe es seinem Wesen entsprochen, wenig zu besitzen, meint Michael. Er mag es, dynamisch zu bleiben, und eine Beziehung zu den ausgesuchten und wirklich notwendigen Dingen zu haben. Er sucht die Intensität. Die habe er auch erfahren, als er mit dem Velo eine weitere Strecke zu einen Demeter Hof fuhr und dort eingekauft habe, erzählt Michael. Nachhaltigkeit hängt für ihn stark mit Minimalismus zusammen. Er sei Teil dieses Systems, was dem System schade, schade auch ihm selbst, gibt er Einblick in seine Haltung. «Ich möchte meinen Dreck sichtbar machen» erzählt er weiter, damit er die Verantwortung dafür übernehmen kann.

 

Im Alltag sieht das so aus, dass Michael nun versucht, möglichst Zero Waste zu leben. Er macht von der Möglichkeit Gebrauch, am Pilotprojekt in seinem Quartier teilzunehmen und Kunststoffe zu sammeln. Weiter denkt er bereits beim Einkauf daran, Müll zu vermeiden und verpackungsfreie Lösungen zu wählen. Findet er keine entsprechende Alternative, geht er soweit, den Einkauf zu vermeiden.

 

Innerer Minimalismus

 

Diese Haltung der «Müllfreiheit» überträgt Michael auch auf sein Innenleben. Er bemüht sich im übertragenen Sinn, seinen Abfall nicht bei seinem Gegenüber abzuladen. «Ich habe das Gefühl, dass es schlussendlich um zwischenmenschliche Beziehungen geht» führt Micheal weiter aus. Es sei eine Frage der Haltung, meint er. Der Minimalist ist davon überzeugt, dass grundsätzlich alles aus dem Innern kommt und im Äussern seinen Ausdruck findet. Das in Einklang zu bringen sei die Aufgabe.

 

Michael macht einen gedanklichen Abstecher zur Klimadebatte und betont, wie wichtig diese doch sei. Es sei jetzt genau der Moment gekommen, um das Thema anzugehen. Der Mensch müsse verstehen, dass er sich nicht trennen kann von der Natur, das mache ihn nicht glücklich, meint er. Diese Logik erschliesse sich bald jedem, hat Michael das Gefühl. Das Bewusstsein sei bereits vorhanden.

 

Nachhaltig leben auch für ein kleines Budget

 

Michael ist der Meinung, dass unverpackt einkaufen und nachhaltig leben auch für ein kleines Budget möglich ist. Man solle sich als Teil des Ganzen sehen und sich in Beziehung zu allem fühlen, so spüre man die Erfüllung, die dieses Konsumverhalten einem biete. Beschränkte finanzielle Mittel lässt er nicht gelten für eine wenig nachhaltige Lebensweise und führt als Beispiel seinen oben genannten Ausflug zum Demeter Hof an. Michael führt weiter aus, dass ein wenig nachhaltiges Leben auf andere Weise kompensiert werden muss und somit in jedem Fall ein teurer Preis bezahlt werden muss.

 

Arbeitsmass und Wahlfreiheit

 

Michael wählte für sich ein Arbeitspensum von 70% und kommt sehr gut damit zurecht. Er geniesset sein Arbeit aber auch seine freie Zeit. Er glaubt nicht, dass es Menschen gibt, deren Umstände keine Wahl zu einem minimalistischen und nachhaltigen Leben liessen. Er räumt aber ein, dass die zu tragenden Konsequenzen für manch einen wohl unhaltbar wären. «Wenn ein Mensch alles, womit er sich identifiziert, loslassen muss, kann das zu schwer sein.» Er selbst ist in seinem minimalistischen Lebensstil konsequent, wie er selbst sagt. Nur so lasse sich etwas verändern, sagt der Berner. Und für eine Veränderung sei nun die Zeit gekommen.

 

Sprachst und zeigte mir zum Schluss noch seine Toilette, auf der sich kein Ring und kein Deckel mehr befindet. Wegminimalisiert; für Michael war diese Sache unnötig und er verabschiedete sie aus seinem Leben.

 

Besten Dank an Michael für das Gespräch!

 

 

Alles Liebe, Barbara

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