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Fedra und der Aarekiesel

Der Herbst hatte das Laub in lebendigen Rot- und Goldtönen gefärbt, die Luft war klar und kühl. Die tief stehende Sonne warf glitzernde Reflexe auf die Wasseroberfläche der Aare. Träge floss das mattgrüne Gewässer an dieser Stelle dahin, klar gab es die Sicht auf den Grund frei. Einzelne, bunt gefärbte Blätter liessen sich kreisend von der Strömung treiben. Fedra genoss die späten Sonnenstrahlen. Sie hielt ihre Augen geschlossen und wandte das Gesicht der zarten Wärmequelle entgegen. So sass sie da, auf dem Treppchen am Flussufer, und dachte über die vergangenen Tage nach. Hinter ihr lagen auf der Wiese ein paar graubraune Kühe, die, ebenfalls mit geschlossenen Augen, wiederkäuten. Die friedliche Stimmung wollte nicht recht zu Fedras zerzaustem Innenleben passen.

 

Die selbstsichere Ausstrahlung ihrer neuen Bekanntschaft hatte sie zutiefst fasziniert und in den Bann gezogen. Dieser Mann wirkte auf Fedra stolz und unnahbar. Etwas, was sie besonders reizte. Sie spürte Eroberungslust in sich, und so hatte sie alle Register gezogen, um seine Aufmerksamkeit an der Party am letzten Freitagabend zu erregen. Fedra beherrschte dieses Spiel und wusste das auch. Sie schenkte ihm erst ein bezauberndes Lächeln, um sich danach zu ihm zu gesellen. Sie wusste genau, dass sie mit gezielten Fragen echtes Interesse bekunden konnte. Ergänzt mit lebendig erzählten Details aus ihrer Biografie entspann sich bald ein angeregter Dialog zwischen ihnen. Kurz und gut, Fedra befand sich in ihrem Element. Sie wusste genau, wie sie ihr Gegenüber fesseln konnte. Dieses Gefühl gab ihr eine tiefe Befriedigung. Das Gespräch endete mit dem Austausch der Telefonnummern und Fedra freute sich über ihre kleine Trophäe.

 

Bereits am nächsten Morgen erhielt sie eine Nachricht. Der Mann schien sie wiedersehen zu wollen, und so verabredeten sie sich für den nächsten Mittwoch, um nach der Arbeit gemeinsam einen Apéro zu trinken. Fedra überlegte sich, ob sie die teure, petrolfarbene Spitzenunterwäsche bereits jetzt einsetzen sollte. Für den ersten Eindruck gab es keine zweite Chance. Andererseits wollte sie auch nicht gleich alle Trümpfe ausspielen. Sie nahm den BH und den Slip aus der Schublade und strich mit den Händen sanft über das geschmeidige Material. Doch, es lohnte sich. Fedras Herz klopfte aufgeregt, wenn sie an das bevorstehende Treffen dachte. Sie spürte freudige Erregung in sich aufsteigen, die sich in ihr ausbreitete und ihr ganzes Wesen erfasste. Und dann spürte sie noch eines ganz deutlich: Nämlich, dass sie sehr grosse Lust auf Sex mit diesem Mann hatte. Das Darüber war dann auch noch zu klären: Sie entschied sich für eine schmale schwarze Hose aus einem luxuriösen Wollstoff und würde dazu den anliegenden, schwarzen Kaschmirpullover kombinieren, der sich flauschig um die Rundungen ihres Busens schmiegte. Ergänzt mit ihren schwarzen Loafers und dem langen, dunklen Mantel würde sie sich in diesem Outfit stark und weiblich zugleich fühlen. Elegantes Schwarz in Verbindung mit ihren naturroten, hochgesteckten Haaren war immer ein Volltreffer, vor allem, wenn sie dazu noch die goldenen Ohrringe trug.

 

Fedra ging ihrer Arbeit als Juristin in den nächsten Tagen routiniert nach. Doch ihre Gedanken schweiften immer wieder ab zu ihm. Sie hatte Mühe, sich zu konzentrieren und so unterliefen ihr der eine oder andere Flüchtigkeitsfehler, die allerdings allesamt keine gravierenden Folgen nach sich zogen. Sie hatte für ihr Treffen eine gemütliche Bar mit geschmackvollem Interieur in der Berner Innenstadt ausgesucht. Endlich zeigte die Uhr 17 Uhr und Fedra verliess aufgeregt das Büro. Leichtfüssig ging sie durch die Gassen und stieg die Treppe zu dem im Untergeschoss gelegenen Lokal hinunter. Ihr Blick glitt über die Gäste. Nach kurzem Suchen entdeckte sie ihn rechterhand und ging gemächlich auf ihn zu, ihrer strahlenden Erscheinung ganz bewusst. Die Begrüssung fiel herzlich aus, man gab sich Küsschen auf die Wangen. Fedra bestellte wie gewohnt ein Gläschen Prosecco, nahm sich anmutig von den bereit gestellten Oliven und schob sie sich in den rot geschminkten Mund.

Sie wechselten ein paar belanglose Sätze miteinander und versuchten, die Verbindung vom letzten Freitag wiederherzustellen. Das Licht war warm und gedämpft, die Loungesessel aus cognacfarbenem Leder breit und bequem und im Hintergrund spielte leise melodiöse Jazzmusik. Das Gespräch kam etwas schleppend in Gang, ihre Bekanntschaft begann zu erzählen. Fedra nippte an ihrem Glas und musterte ihr Gegenüber verstohlen. Schlagartig ernüchtert, konnte sie nicht mehr entdecken, was ihr so gefallen hatte. Dieser Mann war ein oberflächlicher Schwätzer, der sie mit seinen öden Ergüssen über seine Arbeit mehr als langweilte. Er verpasste es, echte Zugewandtheit zu zeigen und schaute Fedra kaum an. Seine Selbstsicherheit hatte sich in ein aufgeblasenes Gerede ohne Punkt und Komma verwandelt. In Fedra machte sich Gefühllosigkeit breit. All die schönen Empfindungen wichen einer traurigen Leere, enttäuscht zog sie sich in sich zurück und wurde schweigsam. Ihr Instinkt flüsterte ihr zu, dass sie bald möglichst das Weite suchen musste, das würde sie aus der misslichen Lage befreien. Fedra war ein höflicher Mensch mit Anstand. Doch sie konnte unmöglich diese Wortkaskade weiter über sich ergehen lassen. Sie kramte in ihrer grossen Lederhandtasche, schaute auf das Display ihres Smartphones und entschuldigte sich unter dem fadenscheinigen Grund, nochmals ins Büro zu müssen. Sie flüchtete regelrecht aus dieser Begegnung und eilte von dannen. Enttäuscht und entsetzt über ihren immergleichen Fehler.

  

Die Sonne war inzwischen fast ganz verschwunden. Es wurde kühl, Fedra stand auf, rieb mit den Händen ihren kalten Hintern und setzte sich in Bewegung Richtung Stadt. Sie begann zu ahnen, sie verfiel immer wieder ihrer Projektion und ihrer Fantasie. Viel zu schnell preschte sie vor auf der Suche nach einem geeigneten Partner. Mit ihrem verzweifelt anmutenden Sehnen nach einer liebevollen Verbindung stand sie sich selbst im Weg. Fedra spazierte gemächlich und nahm sich vor, zukünftigen Begegnungen mehr Zeit zu geben und achtsamer zu prüfen, wem sie Eintritt in ihr Leben gewähren wollte. Frieden stellte sich ein, als sie dies für sich entschied. Sie hob einen Kiesel vom Ufer der Aare auf und betrachtete ihn genau. Dieser Stein trug ein goldenes Oval auf seiner Oberseite. Sie wunderte sich und dachte bei sich, das konnte keinen natürlichen Ursprung haben. Schnell steckte sie den gerundeten Stein in ihre Manteltasche. Sie befühlte die glatte, kühle Oberfläche mit den Fingerspitzen und wusste, dieses Symbol würde sie auf ihrem Weg stärken.

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