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Das Herz im Herbstlaub

Der Regen floss in einem gleichmässigen Rhythmus vom Himmel. Martha eilte durch die beginnende Dämmerung und ärgerte sich, dass ihre neuen Turnschuhe bereits völlig durchnässt waren. Sie war ohne Schirm unterwegs und ihre langen, schokoladenbraunen Haare klebten eng an ihrem Kopf. Sie würde sich noch eine Erkältung holen. Genau das, was sie nun am wenigsten gebrauchen konnte. Ihr zielstrebiges Voranschreiten passte zu ihr. Martha war eine kluge Schnelldenkerin und überforderte damit oft ihr Gegenüber. Ihre Ungeduld war bekannt und ihre gereizte Stimmung ebenso, wenn jemand nicht mit ihrem Tempo Schritt halten konnte. Doch nun war Martha selbst gefordert: Sie fühlte es klar am schmerzhaften Sehnen in Ihrem Herzen, dass sie verweilen und nach Innen schauen musste.

 

Schon länger merkte sie, dass sie sich nicht mehr auf einem guten Pfad befand. Doch wie so oft, verfiel sie in ihr gewohntes Muster und lenkte sich mit sportlichen Aktivitäten von unguten Empfindungen ab. Nach einer ausgiebigen Trainingseinheit durch Wald und Wiese war üblicherweise ihr Gefühl wieder gut. Doch dieses Mal war es anders. Sie konnte nicht mehr weghören. Der innere Klang sprach eine deutliche Sprache. Martha haderte mit sich. Sie war eine erfolgreiche Frau, die in ihrem Beruf brillierte und gut mit Menschen umgehen konnte. Sie hatte ein Einkommen, das ihr erlaubte, ihren Wünschen nachzugehen. Zudem hatte sie eine moderne Neubauwohnung in urbaner Umgebung und eine unverbindliche Beziehung zu einem angenehmen und gepflegten Mann. Sie hatte weder Lust dazu noch sah sie einen Grund, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen.

 

Die Lichter der Strassenlampen warfen bunt schillernde Reflexe auf den nassen Asphalt, während der Herbstwind die letzten Blätter von den Baumkronen auf die Strasse wehte. Der Regen und das Laub bildeten einen glitschigen Belag auf dem Trottoir. «Wie trostlos», dachte Martha genervt. Da glitt sie aus. Schmerzhaft prallte sie auf ihr Steissbein. Vor Schreck blieb sie verwirrt auf dem Boden sitzen und biss die Zähne zusammen. Bereits vorher emotional angeschlagen, bahnte sich eine Träne ihren Weg. «Amen» dachte Martha, auch das noch. Sie kam wieder auf die Beine, spürte ihren nun ebenfalls durchnässten Hosenboden kalt am Hintern kleben und setzte ihren Weg deutlich langsamer fort.

 

Inzwischen war es ganz dunkel. Etwas hatte sich verändert. Martha ärgerte sich nicht mehr über den kühlen Regen. Sie spürte die reinigende Wirkung im Aussen wie im Innern. Mit der Zunge fing sie ihre salzigen Tränen auf. Endlich öffnete sich etwas in ihr und sie konnte weich für sich und ihre Gefühle werden. Annehmen, dass sie hinhören musste. Neue Gedanken flossen sanft durch ihren Kopf und sie begann ihr Inneres wahrzunehmen. Sie erkannte, was richtig und wichtig für sie ist. Sie spürte Ihre Herzensverbindung und konnte klar und deutlich sehen, was sie loslassen musste. «Danke Herbst» sagte Martha leise für sich, «du lehrst mich das Loslassen, wo es nötig ist für mich.»

  

Sie würde sich Zuhause ein warmes Bad einlassen, eine duftende Kerze anzünden und sich Gedanken machen, was sie in dem klärenden Gespräch mit ihrer lockeren Liebschaft zu sagen gedachte. Martha wollte entfernen, was Ferne zwischen sie und ihr Herz brachte. Ihr Blick glitt über die stark befahrene Strasse mit dem Feierabendverkehr. Ihr Daheim war bereits in Sichtweite. Die hell erleuchteten Fenster der Nachbarswohnung im Erdgeschoss strahlten in warmem Goldgelb und schimmerten auf dem regennassen Teer. Zuversichtlich bog sie rechts ab, als das grelle Geräusch quietschender Bremsen an ihr Ohr drang. Erschrocken warf Martha den Kopf herum und schaute direkt ins gleissende Scheinwerferlicht.

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