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Veilchenblau

Sophie lag auf dem Rücken. Die Erdanziehung saugte sie auf der Matratze fest, und sie spürte ihr Gewicht schwer im Untergrund versinken. Die Bettdecke war zu Boden geglitten und Sophies kühler Körper fühlte sich fern an.

 

Die Tränen rannen ihr seitlich am Kopf hinunter und bildeten kleine Pfützen in ihren Ohren. Unaufhaltsam quollen Gefühle der Trauer und des Bedauerns über das Geschehene aus ihr heraus, flossen ab und liessen Sophie doch nicht befreit zurück. Ihr sandfarbenes, kurzes Haar, borstig und widerspenstig, glänzte tränenfeucht an ihren Schläfen. Die samtgrauen Augen geschlossen, erlebte sie wieder und wieder dieselben Empfindungen. Widerstände und Reue erfüllten ihr ganzes Wesen. Sie spürte den Schmerz körperlich: Ihr war, als ob ihr bei lebendigem Leibe die Haut abgezogen würde.

 

Sophie gab sich ganz dieser Empfindung hin. Sie spürte in sich hinein. Was die Tränen nicht vermochten, konnte das Wahrnehmen von dem, was ist, bewirken. Sie entspannte sich langsam, aber merklich und seufzte tief auf. Der salzige Fluss versiegte, klebrig spannten die langsam trocknenden Tränenbahnen auf der Haut. Sie spürte, wie sich ihr Körper weicher anzufühlen begann, die Schwere verflog allmählich und machte einer Weite Platz. Veilchenblau breitete sich in Sophies Brustraum aus, dehnte sich in den Bauch, floss in Schultern und Arme und waberte durch die Beine. Dort angekommen, schenkte ihr das farbige Strömen wieder Boden unter den Füssen. Nach und nach stellte sich Ruhe ein, der Blauton summte dunkel durch Ihre Physis, Sophie fand in sich wieder ihr Zuhause.

 

So lag sie da, erfüllt von einem neuen Gefühl und spürte Dankbarkeit in sich aufsteigen. Sie war schon immer farbaffin gewesen und fühlte sich nun wieder verbunden mit den Farben. Ihre schönen Augen vereinten in ihrer Iris alle Nuancen des Regenbogens zu einem grauen Ton, doch Sophie konnte im Aussen keine Farben sehen. Sie fühlte Farben, konnte ihr Wesen erfassen und spürte sie auf der Haut. Nicht zum ersten Mal erlebte sie, dass feinstoffliche Eindrücke ihr den Weg wiesen. Das Blaue schenkte ihr Ruhe und Annahme. Sie war zeitgleich mit dem jetzigen Moment, ein tiefer Friede erfasste ihr ganzes Sein.

 

Sophie spürte ein zaghaftes Aufblitzen freudiger Gefühle. Was wäre, wenn alles ganz genau so richtig wäre, wie es jetzt nun ist? Was wäre, wenn das Leben es gut meinen würde mit ihr? Sophie nahm den Faden dieses Gedankens auf und vertrauensvoll verfolgte sie ihn weiter. «Die Realität ist das Beste, was sich manifestieren konnte» ging ihr durch den Kopf. Wenn das wirklich so wäre, dann könnte ihr nichts mehr passieren. Durfte sie sich einfach dem Fluss des Lebens hingeben und mit dem sein, was ist? War es wirklich so einfach? Sophie spürte, wie sie aufgeregt wurde. Sie fuhr sich durch die strubbeligen Haare und spürte nach. Sie fühlte, sie war auf dem richtigen Weg. Sie setzte sich auf und spürte neue Kraft und Zuversicht in sich aufsteigen. Ein «Ja» machte sich in ihrem Herzen breit, ein Lächeln umspielte ihre Lippen. Mit den Händen rieb sie über ihr Gesicht, vertrieb so die letzten Tränenspuren. Vertrauen machte sich breit. Beschwingt von ihrer Erkenntnis stand sie auf und trat dem Leben neu entgegen.

  

Sie dankte Veilchenblau und trug es von nun an in ihrem Herzen, als farbige Erinnerung daran, dass sie vom Leben geliebt wurde.

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