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Tanzende Schneeflocken mit Zimt

Meret wusste, es musste sich etwas ändern. Bald. Sie hatte ein paar Tage frei genommen, um dem Stress zu entgehen, den sie in letzter Zeit vermehrt gespürte hatte. Ihre Arbeit im Atelier erfüllte sie kaum noch. Die gewohnte Kreativität war einem leistungsgetriebenen Schaffensdrang gewichen, der nichts Gesundes mehr an sich hatte. Ihre Entwürfe waren begehrt. Nach zähen Anfangsjahren konnte sie endlich gut von ihrer Textilkunst leben. Ihre Formensprache war klar und minimalistisch, die Farbwahl zurückhaltend und die edlen Materialien natürlich. Dieser Gestaltungsstil sprach ein gehobenes Kundensegment an, das sich die Unikate von Meret gerne leistete. Doch Meret spürte, wie sie ihren authentischen Ausdruck langsam verlor. Ihr flossen keine neuen Ideen mehr zu und sie begann notgedrungen, sich selbst zu kopieren. Sie wünschte sich, sie könnte wieder zu ihrem unmittelbaren und echten Schöpfen zurückfinden, welches sie lange Jahre begleitet hatte und für ihren Erfolg verantwortlich war.

 

Sie kuschelte sich in ihre weiche Wolldecke und nahm einen Schluck von ihrem warmen Yogi Tee mit Zimt. Die Kerzenflamme flackerte im Luftzug; die Fenster waren so alt wie das Haus und schon lange nicht mehr dicht. Bei Licht besehen musste sie sich nicht wundern, dass sie sich verloren hatte. Die Beziehung zu ihrem Partner hatte sich verändert. Mehr und mehr war sie in die abhängige Position geglitten, ohne dass sie es hatte verhindern können. Obwohl Meret genau wusste, dass sie im beruflichen Bereich eigenständig war, so gelang es ihr nicht, ebendiese Rolle im Liebesleben einzunehmen. Ihr Markus war ein unabhängiger Mann mit vielseitigen Interessen, denen er auch ohne Rücksicht auf gemeinsame Zeit nachging. Meret hatte ihren Fokus auf ihrem Freund, während dieser den Verlockungen der Welt folgte.

 

Wirbelnde Schneeflocken tanzten durch den grauen Himmel. Meret streckte ihre Füsse aus und schmiegte sie an den Heizkörper. Dazu schob sie den Schaukelstuhl etwas näher zum Fester. Sie dachte an eine Geschichte, die sie mal gelesen hatte. Ein Satz war ihr von damals geblieben: «Kringelnde Locken fliessen perlend über die Schultern von Anthea, Desdemona und Hera.» Ein schönes Bild, fand sie. Ob sie Markus überhaupt noch gefiel? Sie wollte gefallen, wollte begehrt werden. Sie war letztes Jahr vierzig geworden und fühlte sich noch nicht bereit, sich ohne die Aufmerksamkeiten der Männer zufrieden zu geben. Also genau genommen wollte sie vor allem ihm gefallen. Doch dieser schien sich mehr und mehr für andere Frauen zu interessieren. «Wen wunderts», dachte Meret. Wer will schon ein graues Mäuschen an seiner Seite. Ob sie sich wieder die Haare färben sollte? Meret nahm die Decke, erhob sich und stellte ihre leere Tasse auf den Fenstersims. Einem Impuls folgend, legte sie sich auf den blanken Parkettboden, den Blick auf den Himmel mit den tanzenden Flöckchen gerichtet.

  

Lange lag sie dort und schaute hinaus. Da begann sich eine Erkenntnis einzustellen: Um wieder freier von Markus zu werden, ging es jetzt darum, sich selbst zu geben, was sie benötigte. Ihre freien Tage waren ein guter Anfang, sich mehr Fürsorge und Selbstliebe zu schenken. Meret fuhr mit ihren Fingerspitzen über ihr knochiges Gesicht mit den ausgeprägten Wangenknochen. Sie wiederholte die Geste, das mal mit mehr Zärtlichkeit. Sie mochte sich. Langsam stieg ein freundliches Gefühl von Freundschaft für sich selbst auf, ja gar ein wenig Liebe vermochte Meret in sich aufzuspüren. Dankbarkeit machte sich breit in ihrem Herzensraum. Sie fühlte ihre Seelenverbindung. So gestärkt würde sie wieder kreativ schaffen können. Dieselbe Kreativität wollte sie sich nun auch für sich selbst zunutze machen. Deckungsgleich.

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