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Alines Verbindung

Endlich! Aline blickte sich um und konnte sich kaum satt sehen an dem eindrücklichen Gebirge. Sie liebte die Bergwelt und nahm begeistert die Chance wahr, an diesem Retreat teilzunehmen. Sie wollte ihre Meditationspraxis vertiefen und hatte sich auf drei Tage Schweigen und Innenschau eingestellt. Donnerstag früh war sie angereist, um die Zeit noch für eine ausgedehnte Wanderung zu nutzen. Ihr Blick schweifte angetan über die goldenen Lärchen, der Herbst färbte die Natur in einem hinreissenden Kolorit ein. Der olivstichige Messington der Matten bildete einen faszinierenden Kontrast zum tiefen Blau des Himmels, der sich endlos über den Gipfeln wölbte. Aline fühlte sich beschwingt und frei. Sie freute sich auf die kommenden Tage und spazierte leise vor sich hinsingend los.

 

Das Dorf hatte sie bald hinter sich gelassen, der schmale Weg stieg sanft an und führte sie in das nahe gelegene Wäldchen. Die Luft war dünn, frisch und kühl. Leichte Morgennebel lagen zwischen dem Gehölz und zauberten eine mystische Stimmung. Die Sonne bahnte sich einen Weg durch den grauen Dunst und liess ein helles Schimmern aufscheinen.

Aline bewegte sich gerne in der Natur. Sie atmete tief ein und füllte sich auf mit der belebenden Energie dieser natürlichen Umgebung. All ihre Sinne wurden so genährt. Glücklicherweise beherrschte sie das Reisen mit leichtem Gepäck. Für die drei Übernachtungen hatte sie nur das Allernötigste mitgenommen. So trug sie ihren Rucksack mit Leichtigkeit. Der mit Tannnadeln gepolsterte Weg gab federnd unter ihren Fusssohlen nach. Es roch balsamisch nach Harz, Holz und Flechten.

 

Aline dachte an die bevorstehenden Tage. Sie war bereit, zu lernen und ihren Wesenskern noch mehr zu entdecken. Schicht für Schicht wollte sie freilegen und zu ihrer Essenz vordringen. Doch sie spürte auch, dass das mit Angst und Unsicherheit verbunden war. Konnte sie sich darauf einlassen? Sie hatte langjährige Meditationserfahrung, doch ein Retreat hatte sie noch nie besucht. Sie versuchte sich zu beruhigen damit, dass es den anderen Teilnehmerinnen wohl ähnlich geht und dass sie schlimmstenfalls vorzeitig abreisen könnte. Aline erlaubte sich dies, weil sonst der selbst ausgeübte Druck zu gross für sie geworden wäre. Sie blieb stehen, setzte ihren dunkelblauen Rucksack ab und nahm ein paar Schlucke aus ihrer Wasserflasche, die sie im Seitenfach verstaut hatte. Sie blickte sich um und sah, dass der blaue Himmel zwischenzeitlich mit schlierigen Wolken überzogen war.

 

Der lieblich geschwungene Weg stieg steiler an. Der Wald wurde dichter, das Licht schattiger. Aline ging gemächlich, um nicht ausser Atem zu kommen. Silbergraue Flechten hingen von den Ästen der Nadelgehölze wie weiche Wattebärte. Den Blick wieder gesenkt, fiel ihr ein bewachsenes Ästchen ins Auge. Sie hob es auf und betrachtete es genau: Die senfgelben Strukturen zeigten kleine Vertiefungen. Gewölbte Schalen, in denen die Feuchtigkeit hängen blieb und vielleicht den Ameisen als Trinkgefässe dienten? Aline setzte sich wieder in Bewegung, erfüllt von den reichen Eindrücken in dieser urtümlichen Landschaft.

Jäh fuhr ein Windstoss durch ihre halblangen Haare und wehte ihr die dunklen Strähnen ihres Pagenschnitts vor die Augen. Ob das Wetter umschlagen würde? Es sah ganz danach aus. Die Sonne versteckte sich hinter dunklen Wolken, das Licht wurde grünlich und fahl. Da fielen auch schon die ersten schweren Tropfen vom Himmel. Aline klaubte zügig ihre Funktionsjacke hervor und schlüpfte schnell hinein. Glücklicherweise hat sie die auf ihren Wandertouren immer mit dabei.

 

Sie folgte dem schmalen Weg weiter bergwärts. Der Regen prasselte auf ihre Kapuze. Das Wasser lief über ihre wasserdichte Jacke bis zum Rand und sammelte sich in zwei grossen Flecken auf ihren Oberschenkeln. Aline begann zu frösteln. Es hatte merklich abgekühlt, und nass wie sie war, kroch ihr die Kälte in die Glieder. Sie merkte, wie ihre Stimmung in den Keller sank und die Freude langsam aber sicher Verdruss wich. «Ich sollte wohl umkehren» dachte sie für sich. Sie sehnte sich nach einem trockenen, warmen Plätzchen im Hotelzimmer. Den gleichen Weg zurück wollte sie nicht nehmen. Das würde zu lange dauern, bis sie wieder im Tal war. Sie schaute sich um. Ob sie querfeldein den Hang hinabsteigen sollte? Kurzentschlossen bog sie links ab und begann den Abstieg. Das Gelände war unwegsam und bald verfluchte Aline ihre spontane Entscheidung, den Weg zu verlassen. Sie stieg über Wurzeln, Äste und dichtes Gehölz und glitt hin und wieder auf dem regennassen Untergrund aus. Der Regen hatte nicht nachgelassen, im Gegenteil, es schüttete wie aus Kübeln und ein kalter Wind pfiff ihr um die Ohren.

 

Aline blieb stehen und versuchte sich zu orientieren. Geradeaus schien es nicht mehr weiter zu gehen. Sie befand sich in einem wilden Waldstück voller Ranken, umgestürzten Bäumen und grösseren Steinbrocken. Vor ihr fiel der Hang steil ab, da gab es kein Vorankommen mehr. Hinter ihr bildeten sich kleine Bäche aus Regenwasser. Rechts und links von ihr lag wilder, dichter Wald. Sie spürte ein Unbehagen in sich aufsteigen, ihr wurde es beklommen zumute. Aline war in eine Sackgasse geraten. Sie wusste nicht mehr, was sie tun sollte. So verharrte sie. Die Angst stieg wie ein dunkler Schatten in ihr auf, sie konnte sie kaum im Zaum halten. Ihr Herz klopfte fest in ihrer Brust. Sie fühlte, wie sich ein fetter Kloss in ihrem Hals breitmachte und kämpfte mit den Tränen vor Hilflosigkeit. Ihr inneres Kind fürchtete sich, und diese Furcht hatte auch die erwachsene Aline fest im Griff.

 

Da musste sie an ihre letzten Ferien denken; sie besuchte die Klagemauer in Jerusalem. Ein eindrückliches Bauwerk, dass schon viele Gebete der Menschen aufgenommen hatte. Sie erinnerte sich daran. Sie erinnerte sich auch daran, dass es für die Menschen eine Art göttlichen Begleitschutz gab, den sie sich erbitten konnten. Mitten im strömenden Regen besann sich Aline auf ihre Meditationspraxis. In Verbindung mit der höchsten Energie des Universums fühlte sie wieder Zuversicht und Vertrauen in sich aufkeimen. Sie wusste, es würde eine gute Lösung für sie geben, wie auch immer diese aussehen würde.

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