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Der kleine Hase und das Azurit


Die Himmelsbläue, davon träumte der kleine Hase schon ganz lange. Wenn man es genau nahm, seit er denken konnte. Fest verwurzelt auf dieser Erde, war doch sein Terrain Wald und Wiese. In- und auswendig kannte er die Braunschattierungen der Erden, die sich manchmal lehmig gelb zeigte, ins schlammig-grünliche kippten oder schwarzdunkel und torfig waren. Dieser Boden unter seinen Pfoten wahrzunehmen gab ihm Sicherheit. Er spürte durch seine langen Solen mit den Bürstenhaaren ganz genau die Beschaffenheit des Untergrundes. Er genoss das vertraute Gefühl, dass ihm diese Empfindungen bescherten. So fühlte er sich gefeit, den Unwägbarkeiten des Lebens zu begegnen. Auch all die saftgrünen Gräser erkundete er tagtäglich mit seiner feinen Nase und seinem sensiblen Gaumen. Er konnte sie alle auseinanderhalten: das gemeine Grasgrün, das verblichene Gelbgrün, das fahle, staubige und kraftlose Mattgrün. Er war vertraut mit dem schattigen Moosgrün und per Du mit dem dunklen Tannengrün Er erkannte zweifelsfrei die körnige grüne Erde und hatte aus Erzählungen sogar schon vom Florentiner Grün gehört.

 

Doch was ihn anzog, war das Blaue. Solches Fernweh spürte er, das sein kleines, pelziges Hasenherz ganz weit wurde. Diese Sehnsucht zog und zerrte an ihm. Er hob seinen Kopf so weit, dass sich seine langen Ohren sanft auf seinen Rücken legten, und blinzelte in den Himmel. "Azur, Azurit" schwirrte es ihm lockend durch den Kopf. Liess er sich ganz in diese unendliche Weite hineinziehen, konnte er kleine, pulsierende Punkte im tiefblauen Himmelszelt entdecken. Der kleine Hase seufzte, wackelte etwas mit seinen langen Ohren und senkte den Kopf. Langsam stieg ein Gedanke in ihm auf, der Raum einzunehmen begann und bald das ganze fellbedeckte, inzwischen vor Erregung leicht zitternde Körperchen ausfüllte. Wenn er das Azurit erkunden wollte, gab es für ihn nur eine Möglichkeit. Doch diese Idee war einfach zu ungeheuerlich für den kleinen Hasen, als dass er sie ernst nehmen konnte. Sie liess sich aber nicht abschütteln, so entschlossen er es auch versuchte. Um die Himmelsbläue in derselben Art zu erkunden, wie er es mit dem Erdenbraun und dem Grasgrün zeit seines Lebens tat; um genau so vertraut mit dieser anderen Farbe zu werden, die an ihm zupfte und ihn lockte, gab es nur eine Möglichkeit.

 

Der kleine Hase brauchte Flügel.

 

Doch das war unmöglich. Er war ein Hase und hatte keine Flügel. Er jammerte ein wenig vor sich hin und wandte sich den faserigen Halmen direkt vor seiner Nase zu. Sie schmeckten ihm nicht mehr. So sehr er auch versuchte, sich mit dem zufrieden zu geben, was nun mal direkt vor ihm lag, es gelang ihm nicht. Er kaute länger als sonst auf seinem vertrauten Grünzeug herum, in der Hoffnung, ein neues Aroma herauslösen zu können. Doch da war nichts. Nur sattsam bekannte Eindrücke nahm sein empfindsamer Gaumen wahr. "Übe dich in Bescheidenheit und Genügsamkeit" mahnte ihn eine milde Stimme. Der kleine Hase konnte nicht ausmachen, ob die Stimme von innen oder aussen kam. "Du bist auf der Erde Zuhause. Hier hast du alles, was du brauchst." Doch das Hasenherzli wollte mehr. Die grosse Sehnsucht liess sich nicht mehr ignorieren. "Weisst du, liebe Stimme - wer auch immer du sein magst - weisst du, wie schön es wohl sein mag, im Blauen zu baden? Ich möchte durch die traumhaften Weiten streifen, mit einem Flügelschlag die Wolken berühren und genau zuhören, was mir das Azurit zu erzählen hat." Die Stimme meinte sanft "wenn es dir so wichtig ist, dann bitte darum".

 

Daran hatte der Hase noch nicht gedacht. Er schluckte den letzten Rest breiig gekauten Grüns herunter und schloss seine glänzenden Augen. Sein Herz pochte spürbar vor Aufregung, als er seinen innigen Wunsch direkt aus seinem Herzen ins Universum aufsteigen liess: "Ich bitte darum, jetzt meine geliebte Himmelsbläue zu erkunden."

 

Der kleine Hase verhielt sich mucksmäuschenstill. Es tat sich nichts. Nun, was hatte er erwartet? Natürlich ging es nicht so leicht. Als er enttäuscht seine Augen öffnen und sich wieder dem hinlänglich bekannten Grün und Braun in Ermangelung einer anderen Farbe zuwenden wollte, spürte er ein Kribbeln zwischen seinen Schulterblättern. Seine Aufmerksamkeit wanderte nun genau zu diesen zwei pulsierenden Fleckchen auf seinem Rücken. Da drückte etwas von innen gegen sein Fell. Was ging da vor sich? Nun wandte er seinen Kopf, soweit es seine Beweglichkeit erlaubte, und spähte neugierig zu den ausgebeulten Stellen. Es lugte ein zartes Spitzchen zwischen den flauschigen Haaren hervor; zart schimmernd. Staunend beobachtete der kleine Hase, wie sich dann ein filigranes Gerüst in Zeitlupentempo herausschob und sich mit einem trockenen Knistern ein schillernder Flügel entfaltet. Gleich darauf mit Schwung der zweite. "Es sind mir Flügel gewachsen!" stellte der Hase verwundert fest. Er spürte Freude sein ganzes Wesen ausfüllen und schickte ein inniges "Danke!" ins Universum. Erst zaghaft, doch immer mutiger die neuen Grenzen auslotend, bewegte der kleine Hase seine neuen Flugwerkzeuge. Welch neues Lebensgefühl! Er würde nun immer, wann er es sich wünschte, im Blauen baden können. Ob es wohl für die Benutzung der Flügel Regeln gab? fragte er sich. Er stellte sich vor, wie er getrieben von seiner Sehnsucht und getragen von seinen nigelnagelneuen Flügeln in den Himmel aufsteigen würde. Zuerst brauchte es noch etwas Vorbereitung. Die Koordination war noch nicht perfekt, die Steuerung etwas ungelenk, wie er bei den ersten Hüpfern über die Matte feststellen konnte.

 

Doch seine Runden wurden grösser und weiter, einen abenteuerlustigen Schlenker über die Baumkrone und ein verwegener Abstecher bist zum Waldrand hin liessen sein Vertrauen wachsen. Er fühlte sich nun sicher, seine grosse Reise zur Himmelbläue anzutreten. Noch einmal schaute er zurück, winkte mit flatternden Ohren dem Grasgrün und dem Erdbraun zu, versprach, zurück zu kommen und seine neuen Eindrücke zu teilen, und hob ab.

  

"Azurit, ich komme!" flüsterte der aufgeregte Hase vor sich hin, bevor sich ein häsischer Jauchzer Luft verschaffte und ihm voran ins Blaue schwebte. Er wusste, diese besondere Reise würde er für immer in seinem Herzen bewahren.

 

Alles Liebe, Barbara


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