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Herbstfarben: die Linde - lat. Tilia


Die Serie über Herbstfarben beginnt hier mit der Pappel.

 

Der Name "Linde" heisst "mild" und kommt vom althochdeutschen Wort "linta".

 

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Ein verpasstes Rendez-vous zu einem herbstlichen Aareschwumm schenkte mir einen schönen Sommerlindeblätterfund: Grosse und viel Blätter, in einem klaren, regennassen Gelbton. Bereits vor einer Woche entdeckte ich im Garten des Restaurants "toi et moi" am Berner Hauptbahnhof ein Lindenbaum. Jener hat klein Blättchen von einem sanften, verwaschenen Gelbton und ist demnach eine Winterlinde. Das daraus gewonnene Pigment siehst du unten in der Bildergalerie.

 

Allgemeines

Der Laubbaum mit herzförmigen Blättern ist weit verbreitet und wird zwischen 15 und 40 Meter hoch. Linden können bis zu 500 Jahre alt werden und es gibt rund 40 verschiedene Sorten.

Der Lindenbaum hatte für die Germanen eine besondere Bedeutung: Sie ordneten ihm die Göttin Freya (Göttin der Liebe und Ehe) zu und nutzten den Platz unter einer Linde als Gerichtsort. Sie gingen davon aus, dass so ein milderes Urteil getroffen würde. Das Wort "subtil" leitet sich davon ab: Man traf sich "sub tilia". In vielen Dörfern Mitteleuropas steht im Dorfzentrum auch heute noch eine Linde mit Bänken rund um den dicken Stamm.

Er ist der Baum der Liebe, ihm zu Ehren verfasste Walter von der Vogelweid um 1200 das Gedicht "Unter den Linden". Der bezaubernde Duft der Lindenblüten vermag eine besondere Atmosphäre zu schaffen und taucht den Baum zur Blütezeit in eine ätherische Wolke.

Bekannt ist der Tee aus der Lindenblüte, der mit seiner aquarellartigen Farbe gut gegen Erkältungen hilft. Vielleicht kennst und schätzt du auch den Lindenblütenhonig? Der Honigtau der Linde - klebrige Tropfen die vom Baum fallen und den Velosattel oder den Autolack verkleben - ist hingegen weniger beliebt.

 

Das Holz hat einen schlichten Charakter, ist leicht zu verarbeiten und für den Innenausbau und Schnitzereien geeignet. Auch als Brennholz lässt es sich verwenden. Die Germanen fertigten daraus übrigens ihre Schilde (mit der Energie der Liebe abwehren - welch hübscher Gedanke).

 

Feinstoffliches

Die Linde steht für Schutz und Frieden und galt bei den Kelten als das ergänzende Prinzip zur Eiche, die Recht und Krieg symbolisierte. Man sagt ihr auch nach, dass sie böse Geister und Dämonen vertreibe. Die Linde hat die Eigenschaft, die Begegnung von Gegensätzlichem möglich zu machen. Sie lädt uns ein, das Gegenüber, die Gemeinschaft und den Austausch zu suchen. Ihre friedliche Aura bietet ein Schutzfeld, in dem alles und alle mit- und nebeneinander Platz nehmen dürfen. Nimm Andersartiges als Einladung, deinen Horizont zu erweitern und zu lernen. Das Wesen der Linde ist mütterlich, Trost spendend und Geborgenheit bietend. Die ihr zugeordneten Elemente sind Luft (Kommunikation) und Wasser (Gefühle). Der Lindebaum unterstützt die Kreativität und lebendige Träume.

 

Duftiges

Der Duft der Lindenblüten ist dir sicher bekannt. Er erinnert an Honig und sanfte Süsse. Parfums mit der Note "Linde" konnte ich 56 finden. Die Namensgebung lässt zweifelsfrei erkennen, um was es hier geht: Die meist als unisex bezeichneten Düfte heissen "unter den Linden", "Tilleul" oder schlicht "Linde". Harry Lehmann kreierte "Lindenblüte", der zurzeit beliebteste Lindenduft. Er hat auf der Punkteskala eine satte 8.1 von 10. "Linden Blond Tabac" von Voluspa scheint hingegen ein unattraktiver Stinker zu sein, die Produktion wurde eingestellt.

Ich selbst nehme die Lindenblätter grünsanft mit einer Birnennote wahr. Auch ein leichter Honighauch schwingt mit. Das Pigment riecht angenehm und noch intensiver danach: Beim Mahlen werden die ätherischen Öle des Blattes erst so richtig freigesetzt.

 

Farbiges

Das Blätterkleid der Linde verfärbt sich in derselben Weise, wie das ganze Wesen dieses Baumes ist: sanft. Weder der Farbsud der Blätter noch der des Tees zeigen eine intensive Farbe. Das Blatt selbst zeigt Farben von hellem Limonengelb über Neapelgelb bis hin zu etwas intensiveren Nuancen. Am ehesten gleichen sie "Cornhill" und "Haymarket" von Mylands, sowie "Babouche" und "India Yellow" von Farrow & Ball. Getrocknet verdichtet sich der Farbton zu einem sehr schönen, warmen Ockerton. Das Pigment färbt mässig und entfaltet sich gebunden nur zurückhaltend. Am Besten kommt die Farbigkeit beim Einsanden zur Geltung (oben links). Die Intensität und Dunkelheit lassen sich mit anschliessendem Wachsen (oben rechts) noch erhöhen. Die Verarbeitung mit dem Metallspatel schwärzt das Pigment und schiebt es in eine bräunliche Richtung (unten links). Mit Weiss aufgehellt ist sein Wesen vielleicht am treffendsten wiedergegeben: sanft und mild (unten rechts).

 

Hast du einen Lieblingsbaum? Scheib es mir in die Kommentare.

  

Alles Liebe, Barbara

 

...und hier geht es weiter mit der Kastanie.


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