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Das tapfere Schneiderlein und die sieben Tücher


Lesezeit: ca. 11'

 

Neue Fundstücke!

Sieben auf einen Streich? Nein, nicht ganz. Oder in gewisser Weise doch: Vielleicht weisst du, dass ich eine Finderin bin. Und über das magische Tor „Tutti“ waren sieben Fixleintücher zu verschenken gewesen. Als ich das sah, machte meine Inspiration einen Satz, ich meldete mich und durfte den grossen Sack bald darauf abholen.

 

Ein 35 Liter Abfallsack voller Möglichkeiten…

 

Mein Geschenk umfasste zwei Jersey Fixleintücher und fünf aus Webstoff. Alles aus 100% Baumwolle in Weiss, 0.90 x 2.00 m. Der ideale Fund, um meine Idee, nach und nach meine Kleidung selbst zu nähen, umzusetzen. Der Gedanke, mit diesen Stoffen etwas herum probieren zu können, gab mir die Freiheit, eigene Schnitte, die ich teilweise schon seit Jahren im Kopf hatte, umzusetzen.

 

 

Wie ist das jetzt mit dem Nähen?

Bereits als Kind nähte ich oft am Mittwochnachmittag Kleidung. Dabei machte ich meine ersten Färbversuche mit alten Vorhängen, aus denen ich dann Hosen oder Oberteile nach eigener Vorstellung nähte. Später nähte ich auch nach Schnittmuster neue Stücke. Der folgende Nähkurs war hilfreich, um einige grundsätzliche Dinge zu verstehen. Ich träumte mehr oder weniger ständig davon, eine „me-made-capsule“ zu besitzen. Doch es fehlte mir an Mut, Ausdauer, Material- und Schnittkenntnissen, um diese Idee konsequent umzusetzen.

 

  

Das Angebot – der Ist-Zustand

 Wie geht es dir mit dem, was die Kleidergeschäfte on- oder offline so zu bieten haben? Trifft das Angebot deinen Geschmack? Passen Möglichkeiten und Wünsche zusammen? Wie oft wählst du etwas, dass dir nur halb gefällt, weil es nichts anders gibt? Mich macht das Angebot nicht glücklich, weil:

*Zuviel Deko: Volants, Rüschen, Logos, Prints, Stickereien, Schmuckknöpfe, Riemchen, Glitzersteine, Börtchen, Seitentaschen, Gurtschlaufen, Raffungen, Zierschnallen oder Spitzen sind mir zuwider.

 

*Zuviel Kunststoff: In so vielen Stücken ist „Poly-irgendwas“ drin. Das hat auf meiner Haut nichts verloren. Sobald ein Textil 3% Elastan enthält, kann es nicht mehr rezykliert werden. Gewusst? Angesichts der Kleiderüberschwemmung auf diesem Planeten ist das für mich ein wichtiger Punkt.

 

*Zuwenig sensible Farbtöne: Es gibt zu wenig Mischfarben und Zwischentöne. Unis sind üblicherweise nicht in sehr vielen Schattierungen erhältlich und von Mustern fühle ich mich in den seltensten Fällen angesprochen. Es dominieren Schwarz, meliertes Grau, Weiss, Écru, Marine. Eine Ausnahme ist Gudrun Sjöden, deren Basics ich seit über 15 Jahren mit Vorliebe trage. Diese Mode ist fair und bio produziert und hat ihren Preis. Doch was ist mit Graulila, Auberginenschwarz, Tintenblau, Schwarzpetrol oder Stahlgrau? Wie sieht es aus mit kalkigem Steingreige und mattem Lilablau? Oder staubigem Kornblumenblau? Du und ich, wir sehen schon, das muss ich selber mischen.

 

 

Kleidung als Erweiterung meiner Selbst

Ich wünsche mir klare, einfache Schnitte ohne Schnörkel und 100% natürliche Materialien wie Baumwolle, Leinen, Hanf, Wolle und Seide. Die differenzierten Nuancen und das echte Material entfalten seine Wirkung in der klaren Lilienführung. Meine Kleidung soll meine Werte zeigen und sich anfühlen wie eine Umarmung.

 

Um das zu erreichen, muss ich in die Rolle des tapferen Schneiderleins schlüpfen. Meine finanziellen Möglichkeiten sind bescheiden, unter anderen Umständen liesse sich meine Wunschkleidung sicher kaufen oder schneidern. In den letzten Jahren nähte ich jedes Kleidungsstück um. Ich kürzte Hosenbeine und ersetze Bünde, nähte Zwickel und zog Elastikfäden ein. Ich nähte Seitentaschen zu, entfernte Börtchen und kürzte Säume. So entwickelte ich allmählich ein Gefühl für Schnitte und Proportionen. Doch bevor es soweit war, ruinierte ich im Javelbad einige Kleider, produzierte Missfarben, bekam den Ton hin aber die Nähte nicht, oder vernähte mich derart, dass das Teil für den Kübel war.

Die sieben Fixleintücher waren den Startschuss, mit neuer Ausdauer meinen Wunsch zu verfolgen: Kleidung passgenau für mich. Hier teile ich nun mit dir meine Färberfahrung und kann dir vielleicht einen Irrweg ersparen. Arbeitest du lieber autodidaktisch, dann schliesse jetzt diesen Blogpost und werfe dich mitten ins textile Abenteuer!

  

 

Farben färben

Willst du Textiles färben, gelten einige Regeln:

*Neue Stücke vor dem Färben 3 x waschen. So wird die Appretur entfernt und die Farbe kann gut aufgenommen werden. 

*Du kannst nur dunkler färben. 

*Der bestehende Farbton mischt sich mit dem neuen und ergibt eine Mischfarbe. Um den Ton zu steuern, benutze den Pelikan Farbmischer

 *Komplementärfarben vergrauen die Ursprungsfarbe. Komplementäre Farbenpaare sind: Gelb und Violett, Orange und Blau, Rot und Grün.

 *Ein Grauton aus zwei Komplementärfarben sieht immer tiefer und lebendiger aus, als einer, der aus Grau oder verdünntem Schwarz entstanden ist. 

*Die dunklere Farbe färbt dominanter. Wenn das nicht gewollt ist, die dunklere Farbe in der Menge reduzieren.

 *Die Nähte verbleiben zu 99% in der bestehenden Farbe, da sie üblicherweise aus Polyester sind.

*Es lassen sich pflanzliche und tierische Naturfasern färben. Auch halb natürliche Fasern wie Viskose, Modal, Tencel und Lyocell lassen sich einfärben.

*Pflanzenfarben färben wunderschöne Nuancen, sind aber alle nicht lichtecht. Leider auch nicht die Färbersets von Weja oder myboshi.

 

   

Textilfarben und der Färbevorgang

Meine Wahl fällt auf „Ideal Textilfarbe - alles in einem“, weil sich diese unkompliziert mischen lässt und die Zugabe von Salz wegfällt. Folgende Farbtöne sind im Angebot:

Gelb, Orange, Rot, Fuchsia, Violett (eher Rotviolett), Marineblau (petrolstichig, wie Indigo), Kobaltblau (Kornblumenblau), Türkis, Smaragd, Braun (Schokolade), Grau und Schwarz. Damit lässt sich jeder erdenkliche Farbton mischen. Je nachdem wieviel Wasser deine Maschine führt, und/oder wie schwer das Färbegut ist, reicht eine Packung nicht für einen Färbevorgang und du benötigst zwei.

 

Folgende Mischfarben sind erfolgreich erprobt: 

*Anthrazit: Marine und Braun 1:1

*Petrol: Smaragd und Marine 1:1, Türkis und Grau 1:1, Türkis und Schwarz 2:1

 *Tintenblau: Marine und Kobalt, 1:2, 1:1

 *Nachtblau: Schwarz und Violett 1:1

 *Lilagrau: Kobalt, Violett und Grau 1:1:1

 *Violett: Marine und Violett 1:1

 * Himmelblau: Türkis und Kobalt 1:1

 *Grau: Braun, Grau und Kobalt 1:1:1

  

Entspricht ein gefärbter Ton nicht deiner Vorstellung, kannst du mit einem Entfärber oder Javel die Farbe entfernen oder bleichen. Es ist zu beachten, dass jeder Waschgang mit Javel das Gewebe strapaziert. Die Aufhellung verläuft über Mattrot, rötliches Lachs, Apricot, Caramellbeige bis Naturgelblich. Möchtest du eine möglichst neutrale Ausgangslage, lässt sich die Aufhellstufe Apricot mit einer ½ Packung Kobalt zu einem Hellgrau färben. Darauf lässt sich fast jeder Farbton legen und erhält nur eine leichte Trübung. Mein Tipp ist es, bei jedem Färbevorgang ein kleines weisses Stück Baumwolle mit zu färben und die Mischung zu notieren. So kannst du zukünftig ableiten, was es braucht, um den gewünschten Farbton zu erreichen. Ich empfehle dir, den weissen Stoff vor dem Vernähen zu färben. Falls es doch Flecken geben sollte, kannst du die beim Schnittmuster auflegen umschiffen. Hast du den Stoff gefärbt, kannst du danach den passenden Faden kaufen.

 

Im nächsten Blogpost wird es ums Nähen gehen, und ich werde dir das erste von mir entworfene Schnittmuster zur Verfügung stellen. Ich verspreche dir, es ist einfach zum Nachnähen und für Anfänger geeignet. Denn auf Nähakrobatik habe auch ich keine Lust.

 

Alles Liebe, Barbara


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Kommentare: 3
  • #1

    Maja (Samstag, 01 Juni 2024 16:43)

    Huuuch, mir ist schon "sturm" verworfen vom lesen � - ich glaube, ich überlasse das Färben und wohl auch das Nähen lieber dir und lese die spannenden Infos dazu von dir �

  • #2

    Maja (Samstag, 01 Juni 2024 16:44)

    Natürlich: sturm geworden, nicht sturm verworfen �

  • #3

    Regula (Samstag, 01 Juni 2024 17:30)

    Liebe Barbara
    Ich staune immer wieder über Dein Wissen. Über so Unterschiedliches. Schön, mehr über die Dinge zu erfahren, die Du für Dich erfahrbar machst! Danke.